Eine ÖBBegebenheit – Interpretation fraglich!?

Die Vorgeschichte

Auf dem Weg zum Flughafen Wien nehme ich die reguläre S-Bahn ab Wien-Mitte, da mir die Preis-Leistung für den CAT, den City-Airport-Train der ÖBB, nicht ganz einleuchten will. Mittlerweile ist es für mich selbstverständlich, Tickets zu lösen und diese auch gemäß Vorschrift zu entwerten. Im Zuge der ÖBB-Fahrplanumstellung 2010/2011 muss jeder Fahrgast vor Betreten des Zuges seine Fahrkarte selbst entwerten, ein nachträglicher Kauf beim Schaffner (Zugbegleiter, Trainmanager, …) ist nicht mehr möglich, Personen ohne resp. ohne gültigen (d.h. selbst entwerteten) Fahrschein werden als Schwarzfahrer gebüßt. Etwa eine Woche nach der Umstellung auf das neue System lässt sich wohl durch verstärkte Kontrollen sehr viel Geld durch „Anfängerfehler“ und „Gewohnheitstiere“ und verunsicherte Senioren „verdienen“.

Die Situation

Um es vorauszuschicken: Ich hatte ein Ticket und hatte es abgestempelt, bereits in der U-Bahn auf dem Weg zur S-Bahn. In der S-Bahn zum Flughafen wurde nun also kontrolliert.

Ein älterer Herr, er saß eine Viererbank hinter mir, besaß ein gültiges Ticket, frisch gekauft am Bahnhof Wien-Mitte, allerdings nicht abgestempelt. Er wurde von einem wenig höflichen und gar nicht freundlichen Schaffner kontrolliert und als Schwarzfahrer ausgemacht; die darauffolgende Auseinandersetzung wurde insbesondere vom ÖBB-Mitarbeiter so laut geführt, dass der gesamte Wagen sämtliche Information mitbekommen musste. Er bekam also eine Buße wegen Schwarzfahrens.

Mir gegenüber saß eine junge Frau, outfittechnisch würde man sie mindestens als selbstbewusst und offenherzig beschreiben, andere Adjektiva ziehen doch meist einen Rattenschwanz an genderspezifischen Vorurteilen (quasi sexy-type a la <Balkanette>) nach sich: ohne Ticket, dafür mit gezücktem Portemonnaie und 10-Euro-Schein in der Hand. Ich wurde kontrolliert, mein Billet abgestempelt, die hingegen Frau wurde vom Schaffner nicht behelligt: Weder wurde sie kontrolliert noch ihr ein Fahrschein verkauft – quote her „I was lucky“ unquote.

Mein Gespräch

Über zwei Dinge war ich nun innerlich erregt: Einerseits die Ungerechtigkeit an sich, dass jemand mit gelöstem Fahrschein eine Buße bekommt, und die Frau ohne Fahrschein trotzdem unkontrolliert-ungeschoren davon kommt. Andererseits über die Manier des Kontrolleurs, für en sich die ÖBB ein weiteres Mal ihres Personals nur mehr zu schämen hätte.

Derartige Ungleichbehandlungen müssten mE zumindest dazu führen, dass die ÖBB im Fall des Herrn mit dem gelösten, aber nicht gestempelten Tickets kulanterweise auf eine Buße verzichten könnten – aus Gründen der Umstellung des Systems sowie dieser obigen Tatsachen; ich wollte mich als Zeuge in dieser Causa zur Verfügung stellen.

So fragte ich die Dame mir gegenüber, ob sie bereit wäre, mir zumindest ihren Namen und ihre Kontaktdaten zur Verfügung zu stellen, um sie ggf. namentlich nennen zu können. Ich erntete ein abfälliges Kopfschütteln und musste mir anhören, dass sie sich doch nicht freiwillig einer Buße unterziehen wolle und so dämlich wäre doch kein Mensch, sich zu stellen, weil er beim Schwarzfahren nicht erwischt worden sei. Die von ihr zur Schau gestellte offenkundige Absage an grundsätzliches solidarisches Gemeinschaftsverhalten wie auch an die direkte Solidarität mit jemandem, der für nur einen kleinen Fehler eine hohe Strafe ausgefasst hatte, erschreckte mich zutiefst.

Nach dem Aussteigen am Wiener Flughafen und ohne weitere Fahrgäste zugegen überließ ich dem „überführten“ Herren meine Visitenkarte und bot mich als Zeuge für seine allfällige Anfechtung der Buße an.

Übrigens traf ich die Dame am Abflugschalter der JAT wieder, sie checkte gerade nach Beograd ein.

Fragen der Interpretation stellen sich:

  • Ist der Nicht-Kauf von Fahrkarten mittlerweile üblich und die gängige Version des „es bezahlen ohnehin andere“ und „die staatlich geförderte ÖBB sind ohnehin ein schwarzes Steuerloch und Privilegienstadl“?
  • Drückt derartiges Front-Personal eines Unternehmens direkt die Einstellung seiner Besitzer sowie der Geschäftsführung den Kunden gegenüber aus?
  • Hört Solidarität mit dem anderen dort auf, wo es mich selbst direkt betrifft? Wo es um meinen eigenen Geldbeutel geht?
  • Personen, die sich einmischen, dürfen abgekanzelt und verlacht werden, da sie weniger auf den eigenen Vorteil denn Ideen wie etwa Gleichbehandlung achten?
  • Nicht zu fragen wage ich, ob Leute, die offenkundig in anderen, nicht-westeuropäischen Gesellschaften solidarisiert sind, die persönliche und damit auch staatliche Reife haben für die Mitgliedschaft in einer Solidargemeinschaft wie der EU.

Habe ich mich richtig/falsch verhalten? Hätte ich mich anders verhalten sollen? Ist mein Verhalten noch gefragt? Wo stehe ich? Wo steht unsere Gesellschaft?

Hofrat
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