…alles ausser aufgeben. Tucholskys Satire und Gedanken zu #JeSuisCharlie #CharlieHebdo

"He drew first." #JeSuisCharlie #CharlieHebdo Quelle: http://instagram.com/p/xjr675J-MQ/

Kurt Tucholsky, einer der wichtigsten deutschen Publizisten des frühen 20. Jahrhunderts, hat am 27. Januar 1919 unter dem Pseudonym „Ignaz Wrobel“ im Berliner Tageblatt Nr. 36 den Text „Was darf die Satire?“ veröffentlicht.

Anlässlich des heutigen Anschlags auf die Satire-Zeitschrift „Charlie Hebdo“ erlaubte ich mir, die Aussage Tucholskys, dass Satire alles dürfe, um den wesentlichen Zusatz zu ergänzen:

Dass es auch in westlichen Demokratien Ausnahmen gibt („Blasphemie-Paragraph“ in Österreich oder der Schweiz), sollte von einem niemals ablenken: Beleidigung einzelner Religionsgemeinschaften, Herabwürdigung, Verspottung, Beschimpfungen, Verunehrungen – all das kann bestraft werden, in Österreich mit 360 bzw. in der Schweiz etwa mit 180 Tagsätzen. Recht, Rechtsstaatlichkeit muss gelten, für alle und immer. Aufgeklärt und humanistisch ist, sich immer dafür zu entscheiden, Konflikte mit Denken und Worten statt mit Taten und Waffen zu lösen. Oder, wie es der ehemalige norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg anlässlich der Breivik-Attentate im Juli 2011 formulierte:

Unsere Antwort auf Gewalt ist noch mehr Demokratie, noch mehr Menschlichkeit, aber nicht noch mehr Naivität. Das sind wir den Opfern schuldig.

Wenn mit Waffengewalt Ideen bekämpft werden, müssen diese wohl ziemlich stark sein – danke Daniel Menna. Und auch Rainer Stadler/NZZ weiss Bescheid, wenn er trotz des Eingeständnisses der Vertrauenskrise in die (Massen-) Medien auf den Punkt zielt: „Nur tote Journalisten sind gut für die Wahrheit der Terroristen.“ Wer ist nun Charlie? Wer ist der Satiriker, das Opfer der Satire? Nochmal Stadler:

Unsere moderne Welt, in der dank dem Internet nun jedermann ständig mitreden kann und darf, ist anstrengend. Jeder hat eine andere Meinung; einige verbreiten falsche Informationen, andere beleidigen Kontrahenten oder lästern über Weltanschauungen, die ihnen zuwider sind. Widersprüche und Widerhaken müssen wir aushalten, im Wissen darum, dass der Wettbewerb und und die freie Zirkulation der Meinungen und Informationen ein unabdingbares Element von Fortschritt, Wohlstand und Freiheit sind.

Daher jetzt Tucholsky lesen, nachdenken, verstehen, und lachen.

Was darf die Satire?

Frau Vockerat: «Aber man muß doch seine Freude haben können an der Kunst.»
Johannes: «Man kann viel mehr haben an der Kunst als seine Freude.»
Gerhart Hauptmann

Wenn einer bei uns einen guten politischen Witz macht, dann sitzt halb Deutschland auf dem Sofa und nimmt übel.

Satire scheint eine durchaus negative Sache. Sie sagt: „Nein!“ Eine Satire, die zur Zeichnung einer Kriegsanleihe auffordert, ist keine. Die Satire beißt, lacht, pfeift und trommelt die große, bunte Landsknechtstrommel gegen alles, was stockt und träge ist.

Satire ist eine durchaus positive Sache. Nirgends verrät sich der Charakterlose schneller als hier, nirgends zeigt sich fixer, was ein gewissenloser Hanswurst ist, einer, der heute den angreift und morgen den.

Der Satiriker ist ein gekränkter Idealist: er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an.

Die Satire eines charaktervollen Künstlers, der um des Guten willen kämpft, verdient also nicht diese bürgerliche Nichtachtung und das empörte Fauchen, mit dem hierzulande diese Kunst abgetan wird.

Vor allem macht der Deutsche einen Fehler: er verwechselt das Dargestellte mit dem Darstellenden. Wenn ich die Folgen der Trunksucht aufzeigen will, also dieses Laster bekämpfe, so kann ich das nicht mit frommen Bibelsprüchen, sondern ich werde es am wirksamsten durch die packende Darstellung eines Mannes tun, der hoffnungslos betrunken ist. Ich hebe den Vorhang auf, der schonend über die Fäulnis gebreitet war, und sage: „Seht!“ – In Deutschland nennt man dergleichen ‚Kraßheit‘. Aber Trunksucht ist ein böses Ding, sie schädigt das Volk, und nur schonungslose Wahrheit kann da helfen. Und so ist das damals mit dem Weberelend gewesen, und mit der Prostitution ist es noch heute so.

Der Einfluß Krähwinkels hat die deutsche Satire in ihren so dürftigen Grenzen gehalten. Große Themen scheiden nahezu völlig aus. Der einzige ‚Simplicissimus‘ hat damals, als er noch die große, rote Bulldogge rechtens im Wappen führte, an all die deutschen Heiligtümer zu rühren gewagt: an den prügelnden Unteroffizier, an den stockfleckigen Bürokraten, an den Rohrstockpauker und an das Straßenmädchen, an den fettherzigen Unternehmer und an den näselnden Offizier. Nun kann man gewiß über all diese Themen denken wie man mag, und es ist jedem unbenommen, einen Angriff für ungerechtfertigt und einen anderen für übertrieben zu halten, aber die Berechtigung eines ehrlichen Mannes, die Zeit zu peitschen, darf nicht mit dicken Worten zunichte gemacht werden.

Übertreibt die Satire? Die Satire muß übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird, und sie kann gar nicht anders arbeiten als nach dem Bibelwort: Es leiden die Gerechten mit den Ungerechten.

Aber nun sitzt zutiefst im Deutschen die leidige Angewohnheit, nicht in Individuen, sondern in Ständen, in Korporationen zu denken und aufzutreten, und wehe, wenn du einer dieser zu nahe trittst. Warum sind unsere Witzblätter, unsere Lustspiele, unsere Komödien und unsere Filme so mager? Weil keiner wagt, dem dicken Kraken an den Leib zu gehen, der das ganze Land bedrückt und dahockt: fett, faul und lebenstötend.

Nicht einmal dem Landesfeind gegenüber hat sich die deutsche Satire herausgetraut. Wir sollten gewiß nicht den scheußlichen unter den französischen Kriegskarikaturen nacheifern, aber welche Kraft lag in denen, welch elementare Wut, welcher Wurf und welche Wirkung! Freilich: sie scheuten vor gar nichts zurück. Daneben hingen unsere bescheidenen Rechentafeln über U-Boot-Zahlen, taten niemandem etwas zuleide und wurden von keinem Menschen gelesen.

Wir sollten nicht so kleinlich sein. Wir alle – Volksschullehrer und Kaufleute und Professoren und Redakteure und Musiker und Ärzte und Beamte und Frauen und Volksbeauftragte – wir alle haben Fehler und komische Seiten und kleine und große Schwächen. Und wir müssen nun nicht immer gleich aufbegehren (‚Schlächtermeister, wahret eure heiligsten Güter!‘), wenn einer wirklich einmal einen guten Witz über uns reißt. Boshaft kann er sein, aber ehrlich soll er sein. Das ist kein rechter Mann und kein rechter Stand, der nicht einen ordentlichen Puff vertragen kann. Er mag sich mit denselben Mitteln dagegen wehren, er mag widerschlagen – aber er wende nicht verletzt, empört, gekränkt das Haupt. Es wehte bei uns im öffentlichen Leben ein reinerer Wind, wenn nicht alle übel nähmen.

So aber schwillt ständischer Dünkel zum Größenwahn an. Der deutsche Satiriker tanzt zwischen Berufsständen, Klassen, Konfessionen und Lokaleinrichtungen einen ständigen Eiertanz. Das ist gewiß recht graziös, aber auf die Dauer etwas ermüdend. Die echte Satire ist blutreinigend: und wer gesundes Blut hat, der hat auch einen reinen Teint.

Was darf die Satire?

Alles.

Quellennachweis zum Text: Wikisource.
Quellennachweis Titelbild: „He drew first.“ Rafael Mantesso, Instagram: liberté d’expression #JESUISCHARLIE #CHARLIEHEBDO, inspired in David Pope

Hofrat
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