«Erwarten Sie nicht von mir, dass ich mich dumm stelle.» Transkript zu Michael Köhlmeiers Gedenkrede

Michael Köhlmeier, ein österreichischer Meister der Erzählung, hat anlässlich des jährlichen Gedenktags gegen Gewalt und Rassismus am Freitag, 4. Mai 2018, eine Rede im Zeremoniensaal der Wiener Hofburg gehalten, die mit stürmischem Applaus bedacht wurde. Anlässlich der Befreiung des KZ Mauthausen durch amerikanische Soldaten am 5. Mai 1945 begeht die Republik Österreich jedes Jahr diesen nationalen Gedenktag gegen Gewalt und Rassismus.

Mich hat diese Rede in ihrer Pregnanz, in ihrer Einfachheit und Wortgewalt vollständig getroffen. Ich habe daher ein Transkript von Michael Köhlmeiers Rede erstellt, und ich versuche, entsprechende Hinweise auf Aussagen und Zusammenhänge in Fussnoten zu ergänzen.

Sehr geehrte Damen und Herren, Präsident Sobotka hat mir Mut gemacht, als er mir gesagt hat: „Man muss die Dinge beim Namen nennen.“ Und bitte erwarten Sie nicht von mir, dass ich mich dumm stelle, nicht an so einem Tag, und nicht bei so einer Zusammenkunft.

Ich möchte nur eines: Den Ermordeten des NS-Regimes, von deren Leben die jungen Damen und Herren vorhin so unglaublich eindringlich berichtet haben, in die Augen sehen können, und sei es auch nur mithilfe Ihrer und mithilfe meiner Einbildungskraft.

Und diese Menschen höre ich fragen: Was wirst du zu jenen sagen, die hier sitzen und einer Partei angehören, von deren Mitgliedern immer einige nahezu im Wochenrhythmus Nazi-verharmlosende oder antisemitische oder rassistische Meldungen abgeben, entweder gleich in der krassen Öffentlichkeit, oder klamm versteckt in den Foren und sozialen Medien – was wirst du zu denen sagen? Willst du so tun, als wüsstest du das alles nicht? Als wüsstest du nicht, was gemeint ist, wenn sie ihre Codes austauschen, einmal von ‚gewissen Kreisen an der Ostküste‘ sprechen, dann mit der Zahl 88 spielen, oder wie eben erst den Namen George Soros als Klick verwenden zu Verschwörungstheorien in der unseligen Tradition der Protokolle der Weisen von Zion? Der Begriff ’stichhaltige Gerüchte‘ wird seinen Platz finden im Wörterbuch der Niedertracht und Verleumdung.

Gehörst du auch zu denen – hör ich fragen –, die sich abstumpfen haben lassen? Die durch das gespenstische immer wieder dieser Einzelfälle nicht mehr alamiert sind, sondern im Gegenteil das häufige Auftreten solcher Fälle als Symptom der Landläufigkeit abtun? Des Normalen, des „kenn ma eh schon“, des einschläfernden „ist nix Neues“.

Zum grossen Bösen kamen die Menschen nie mit einem Schritt, nie, sondern mit vielen kleinen, von denen jeder zu klein schien für eine grosse Empörung. Erst wird gesagt, dann wird getan. Willst du es dir – so hör ich fragen – des lieben Friendens willen widerspruchslos gefallen lassen, wenn ein Innenminister wieder davon spricht, dass Menschen ‚konzentriert gehalten‘ werden sollen? Willst du feige die Zähne zusammenbeissen, wo gar keine Veranlassung zur Feigheit besteht? Wer kann dir in deinem Land, in deiner Zeit schon etwas tun, wenn du die Wahrheit sagst? Wenn diese Partei, die ein Teil unserer Regierung ist, heute dazu aufruft, dass Juden in unserem Land vor dem Antisemitismus mancher Muslime, die zu uns kommen, geschützt werden müssen, so wäre das recht und richtig. Allein: Ich glaube den Aufrufen nicht.

Antiislamismus soll mit Philosemitismus begründet werden – das ist genauso verlogen wie ehedem die neonkreuzfuchtelnde Liebe zum Christentum. Sündenböcke braucht das Land. Braucht unser Land wirklich Sündenböcke? Wer traut uns solche moralische Verkommenheit zu?

Kann man in einer nahestehende Gazette schreiben, ‚die befreiten Häftlinge aus Mauthausen seien eine Landplage‘ gewesen, und zugleich zu Verteidigern und Beschützern der Juden aufschwingen? Man kann, ja, man kann. Mich bestürzt das eine, das andere glaub ich nicht. Und wer das glaubt, ist entweder ein Idiot, oder er tut so als ob, dann ist er ein Zyniker – und beides möchte ich nicht sein.

Meine Damen und Herren, Sie haben diese Geschichten gehört, die von den jungen Menschen gesammelt wurden. Und sicher haben Sie sich gedacht, hätten diese armen Menschen damals doch nur fliehen können. Aber Sie wissen doch, es hat auch damals schon Menschen gegeben auf der ganzen Welt, die sich damit brüsteten, Fluchtrouten geschlossen zu haben.

Ich haben lange darüber nachgedacht, was ich heute vor Ihnen sagen soll, und mir wäre lieber gewesen, man hätte mich nicht gefragt, ob ich sprechen will. Aber man hat mich gefragt, und ich empfinde es als meine staatsbürgerliche Pflicht, es zu tun. Es wäre so leicht, all die Standards von ‚Nie wieder!‘ und bis ‚Nie vergessen!‘, diese zu Phrasen geronnenen Betroffenheiten aneinander zu reihen, wie es für Schulaufsätze vielleicht empfohlen wird, um eine gute Note zu bekommen. Aber dazu müsste man so tun als ob. Und das kann ich nicht. Und das will ich nicht – schon gar nicht an diesem Tag, schon gar nicht bei dieser Zusammenkunft. Ich möchten den Opfern, die mithilfe der Recherchen und der Erzählungen dieser jungen Menschen und mit Ihrer und mit meiner Einbildungskraft zu mir und zu Ihnen sprechen und mir zuhören und ihnen möchte ich in die Augen sehen können. Und mir selbst auch. Und mehr habe ich nicht zu sagen.

Danke.

Hofrat
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2 Kommentare

  1. Herr Koehlmeier, Gratulation zu Ihren klaren und aufrüttelden Worten!
    Die jetzige Regierung macht mir Angst, alles schon dagewesen. Kaum jemand merkt es.
    Damals waren es die Juden, heute sind es die Flüchtlinge. Und morgen liebe unbelehrbare Besserwisser seid ihr es selbst. Alles schon dagewesen

  2. Diese Worte sind wahr und sie fühlen sich richtig an. Wie haben wir uns jemals fragen können, wieso unsere Großeltern nicht gesehen haben, wie die Ausgrenzung passiert, wieso sie nicht laut protestiert haben, solange es noch möglich war…? Die Geschichte wiederholt sich seit Jahrtausenden, weil die Menschen nach Kriegen und Greueltaten im Alltag gefangen, zur Ohnmacht erzogen und auf sich konzentriert, das Böse verdrängen und vergessen und sein Gesicht erst dann wieder erkennen, wenn Widerstand nicht mehr möglich scheint. Bleiben wir also wach und wehren den Anfängen, stemmen wir uns dagegen, auch damit wir uns nie die Frage stellen müssen: „Warum hab ich nichts getan?“

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